Neue Wege gehen – Nachbericht von der Utopikon

Utopien sind „unmögliche“ Vorstellungen von der Zukunft. Geht man einen Schritt auf sie zu, entfernen sie sich um einen. Auch wenn wir die Utopie nicht erreichen, so hilft sie uns einen neuen Weg zu gehen. Auf der Utopikon in Berlin kamen Menschen zusammen, die sich für Wege in ein geldfreieres Leben interessieren. Eine unglaubliche Atmosphäre der Offenheit und Achtsamkeit sorgte für ein starkes Gemeinschaftsgefühl und bot Raum für die Vernetzung.

Die Utopikon ist eine Utopie-Ökonomie-Konferenz, die erstmalig vom 4. bis 6.11. in Berlin stattfand. Es gab 800 Anmeldungen, aber die Größe der Location (Forum Factory) ließ nur eine Teilnehmerzahl von 300 zu, daher wurde per Zufall ausgelost. Glücklicherweise war ich unter den Teilnehmern und kann nun mit Euch meine Erlebnisse teilen.

Jeder hat für sich eine Vorstellung von der Zukunft, wie sie sein sollte und wie er/sie gern leben würde. Angesichts der begrenzten Ressourcen auf dieser Erde, erscheint es sinnvoll, dass Vorhandene besser zu nutzen, z.B. in Form von Gemeinschaftsgütern, die jeder bei Bedarf nutzen kann. Fernab von jeder Tauschlogik, bei der jede Leistung eine sofortige Gegenleistung erfordert, gibt es Vorstellungen von Gemeinschaften, in denen das Vorhandene geteilt wird und jeder genau das zum Leben hat, was er wirklich benötigt. Rund um diesen Themenkomplex wurden auf der Utopikon Vorträge und Workshops angeboten.

Vorträge

Eine grafische Visualisierung von Jacob aus dem Utopikon-Team von Tobis Keynote.
Eine grafische Visualisierung von Tobis Keynote, gezeichnet von Jacob aus dem Utopikon-Team.

Die Keynote von Tobi Rosswog, Initiator der Utopikon und vieler weiterer Mitmach-Aktionen (siehe living utopia Netzwerk), beschrieb genau das, womit dieser Artikel einleitet: eine Utopie ist der Antriebsmotor, um neue Wege zu gehen. Dass es für viele schwer ist, außerhalb der Komfortzone zu denken und die vorhandenen Strukturen zu überwinden, machte er durch ein simples Beispiel klar. In dem Foto seht ihr neun Punkte, die durch vier gerade Striche verbunden werden sollten. Um dies zu schaffen, ist es notwendig die Striche über die Grenzen hinaus zu ziehen.

Im Anschluss folgte ein Vortrag von Silke Helfrich über „Commons“, in dem sie klar machte, dass nicht jeder alles selbst besitzen muss. Ressourcen dürfen nicht in den Besitz von Institutionen gelangen, sondern jedem offen nach seinem Bedarf zustehen. Es gibt bereits Kulturen, die das vorleben. Wichtig ist, dass es nicht nur Gemeinschaftsgüter (Commons) gibt, sondern auch der soziale Prozess des Commoning. Wer mehr darüber erfahren möchte, dem seien die frei zugänglichen Werke von Silke Helfrich empfohlen: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-2835-7/commons

Jakob vom Utopikon-Team hat den Vortrag von Niko Paech grafisch festgehalten.
Jakob vom Utopikon-Team hat den Vortrag von Niko Paech grafisch festgehalten.

Die für mich inspirierendste Keynote war von Niko Paech. Es ist nicht möglich auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen eine stetig wachsende Ökonomie zu haben. Irgendwann kommt es zum Ende einer oder mehrerer Ressourcen und Menschen, die bereits jetzt ihren Lebensstil reduktiv gestalten, werden dann Vorreiter sein. Seiner Meinung nach, sollten sich diese reduktiven Lebensstile weiter verbreiten. Reduktiv bedeutet, eine Verminderung des eigenen materiellen Besitzes/Bedarfs. Er sprach von Reizüberflutung und „Konsum-Burn-Out“, dass mit der technischen Entwicklung immer mehr in immer kürzerer Zeit gearbeitet werden kann. Wir aber auch immer mehr in kürzerer Zeit konsumieren wollen. Ein Leben mit weniger steht dem entgegen. Sein Vorschlag wäre zum Beispiel die Lohnarbeit auf z.B. eine Wochenstundenzahl von 20 Stunden zu kürzen und dafür die freigewordene Zeit dazu nutzen, Dinge selbst herzustellen, zu reparieren usw. Gerade dieses Konzept überzeugt mich völlig und sprach mir total aus dem Herzen. Es geht darum, nicht nur darüber zu reden, etwas verändern zu wollen, sondern es auch zu leben. Aber ein nachhaltiger Lebensstil benötigt auch Übung. Alle, die nur reden, aber nicht handeln, brauchen nur Übung, um ihren Lebensstil zu ändern. Ich finde Niko Paech sehr inspirierend und werde auf jeden Fall noch mal sein Buch „Befreiung vom Überfluss“ lesen.

 

Workshops

Es gab zwei Workshop-Phasen, bei denen man sich jeweils nur zu einem Workshop eintragen konnte. Das war etwas schade, da es doch eine Vielzahl von Themen gab, die den einzelnen interessiert haben. Ich entschied mich dafür den Workshop „Lohnarbeit – notwendiges Übel oder überwindbarer Mist?“ von Hanna Poddig zu besuchen. In Kleingruppen von drei bis fünf Personen tauschten wir uns über verschiedene Fragen in Zusammenhang mit Lohnarbeit aus. Zum Beispiel welche Tätigkeiten und Probleme einem einfallen, wenn man den Satz hört „Da kann ich nicht, da muss ich arbeiten“. Es gab sehr viele Impulse für mich in diesem Workshop.  Es wurde darüber geredet, dass Menschen Freizeitaktivitäten meiden, um leistungsfähiger bei der Lohnarbeit zu sein. Dass das Wort „müssen“ suggeriert, dass es ein äußerer Zwang ist und man sich in eine Opferrolle durch solche Aussagen setzt. Eine Umformulierung zu „ich werde da arbeiten“ würde auch psychologisch etwas verändern. Weitere Gruppenaufgabe war, zu diskutieren, ob der Satz stimmt: „Arbeit bringt Sicherheit“. Einige waren der Meinung, dass Sicherheit eine Illusion ist und man nie sicher sein kann. Man kann sich sicher fühlen, weil man Gehalt und Krankenversicherung hat, sprich, dass für einen gesorgt wird, wenn es einem nicht gut geht. Es bringt soziale Sicherheit, da man Kontakt mit anderen Menschen hat. Menschen, die keine Lohnarbeit haben, werden in der heutigen Gesellschaft oft negativ bewertet und sie ziehen sich vielleicht auch aus dem sozialen Umfeld zurück. Wiederum andere sehen ein Problem darin, dass sie Lohnarbeit von ihren sozialen Kontakten abhält. In der Gruppe wurde auch diskutiert, inwiefern die eigene Lohnarbeit, die man ausführt, die vorherrschenden Verhältnisse reproduziert. Genauer: was halt ich am Laufen, was gegen meine Utopie spricht? Wie beeinflusst Lohnarbeit meine Werte, wie beeinflusst sie meine Identifikation und was bedeutet das? Viele Fragen, viele Ideen und Impulse. Am Ende stellte uns Hanna Poddig noch die Fragen: Was sind die letzten drei Dinge, die ich gekauft habe? Waren sie notwendig? Was wären geldfreie Alternativen?

Der zweite Workshop, den ich besuchte, ging über „Zeitwohlstand in der Sharing Economy“. Zum Zeitwohlstand gehören mehrere Aspekte: zeitliches Wohlbefinden (Dinge so schnell/langsam tun, wie man es gerne möchte), Zeitsouveränität, Zeitinstitutionen (Bsp. Wochenende), Zeitautonomie (selbst über die Einteilung der Zeit entscheiden). Wir diskutierten, welche Bedingungen günstig und ungünstig für Zeitwohlstand in der Sharing Economy ist. Also zum Beispiel, beim Foodsharing ist es für mich immer ein Hindernis, dass ich viel Kommunikation und Organisation aufbringen muss, um daran teilzunehmen. Entweder rette ich selbst Lebensmittel und muss es, wenn es mehr als mein Bedarf ist, es an andere weitergeben, mit ihnen Zeiten und Orte vereinbaren usw. Oder ich muss in den vorhandenen Kommunikationsmitteln mit anderen in Kontakt treten, die zu viele Lebensmittel haben. Im nächsten Schritt haben wir versucht Lösungen zu finden, wie die ungünstigen Faktoren verbessert werden können und wie günstige noch mehr gefördert werden können.

 

Organisation

Nach der ersten Workshop-Phase gab es Mittagessen. Zubereitet aus gespendeten Lebensmitteln einer Solidarischen Landwirtschaft und geretteten Lebensmitteln. Jeder konnte sich an der Zubereitung beteiligen. Dadurch, dass 300 Leute gleichzeitig essen wollten, kam es doch zu einer längeren Wartezeit. Dafür gab es aber reichlich und sehr leckeres Essen. Tee und Wasser stand auch jederzeit zur Verfügung. Gespült hat jeder selbst. Die Organisatoren der Utopikon haben versucht auch schnell auf nicht ausreichend bedachte Punkte zu reagieren. So wurde die Spülstation etwas umgebaut, damit von beiden Seiten aus gespült werden konnte und die Teilnehmer schneller wieder aufnahmefähig für die nächste Runde Vorträge war.

Großartige Atmosphäre

Ich muss sagen, dass mir die Atmosphäre auf dieser Veranstaltung sehr gut gefallen hat. Durch viele Kennenlern-Spiele und Gruppenaktivitäten kam ich wirklich gut in diese Gemeinschaft. Es umgab mich das Gefühl der vollkommenden Akzeptanz jedes individuellen Teilnehmers, das uneingeschränkte Interesse aneinander und unfassbare Achtsamkeit. Es gab im Organisationsteam der Utopikon ein Awareness-Team, dass genau diese Achtsamkeit gefördert hat. Es wurde durch Plakate und durch Ansagen in der Moderation jedem ermöglicht, darüber nachzudenken und zu fühlen, was er braucht und möchte und dafür zu sorgen, dass seine Grenzen nicht überschritten werden. Die Toiletten in dem Gebäude wurden als „All gender“ gekennzeichnet. Das wirkte durchaus zu einem merkwürdigen Gefühl, wenn man die Räume betrat, aber ich nahm es auch als Experimentierraum an und ließ mich darauf ein. Soweit ich mitbekommen habe, gab es auch keine Disharmonie deswegen oder wegen anderer Dinge. Alles wirkte in sich total offen und gefüllt mit bedingungsloser Akzeptanz. Zur Auflockerung haben wir im Kanon Lieder gesungen. Auch hier, konnte jeder entscheiden, ob er mitmachen möchte oder nicht. Oder wir wanderten mit 300 Leuten im Raum und sahen einfach den Menschen, die uns begegneten, in die Augen. Oder wir hielten an und redeten kurz zu einer vorgegebenen Frage. Um wieder Ruhe in den Raum zu bekommen, hob jemand die Hand und begann zu summen, die anderen stimmten ein, und es war blitzschnell wieder ruhig. Das fand ich sehr beeindruckend. Auch als es am Abschiedstag einen Moment der Stille gab, in dem alle schwiegen, überkam mich eine Gänsehaut. Dieses Gefühl von Gemeinschaft und „es ist alles okay“ war überwältigend. Ich frage mich, ob so ein Gefühl länger anhalten kann oder nur für begrenzte Zeiträume realisierbar ist. Mich haben die zum Teil sehr herzlichen Begegnungen mit den Teilnehmern der Utopikon sehr geprägt.

Ausblick

Ich hoffe sehr, dass die Utopikon und ähnliche Veranstaltungen weiter stattfinden. Auf der Konferenz hatte sich die Idee gebildet, einen größeren Raum/Rahmen zu finden, um noch mehr Menschen die Teilnahme zu ermöglichen. Ich bin sehr gespannt, ob das realisiert werden kann. Ich wäre gern dabei.

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