Lesetipp: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Harald Lesch kann wirklich gut erklären – auch die komplizierten Themen. Da verstehe selbst ich als Physiknull kosmische Zusammenhänge. Bisher kannte ich nur die TV-Formate auf ZDF mit ihm, letztens fiel mir in der Stadtbücherei aber auch ein Buch von ihm in die Hand: „Wenn nicht jetzt, wann dann? Handeln für eine Welt, in der wir leben wollen“.

Was sind eigentlich die Gründe, die Entschuldigungen dafür, dass wir jetzt nicht handeln, obwohl die Fakten zum Klimawandel so klar auf der Hand liegen? Harald Lesch bringt es auf den Punkt: unsere Gesellschaft hat sich dem Immer-Mehr und Geldanhäufen verschrieben. Im Grunde ginge es nur noch darum, die „Interessen der Shareholder zu verteidigen“, Rendite einzufahren, Gewinne zu machen. Viele Menschen wissen, wie sie nachhaltiger leben könnten, aber „sie kommen ja so selten dazu.“ Geht es nach Lesch ist nicht das Informationsdefizit Schuld am Nichthandeln. Sondern Geldgier und Zeitnot. Doch was müsste passieren, damit Menschen genug Zeit haben, um ökologisch zu handeln? Müsste Öko Standard sein und alles Umweltschädliche aktiv gewählt werden? Was wäre wenn alle Ökostrom bekommen würden, es sei denn sie sprechen aktiv gegen diese Option? Im Moment folgt nicht für jeden aus der Einsicht die Wahl für die ökologische Alternative. In der Gesellschaft fühlen wir uns häufig anonym und dadurch auch weniger verantwortlich für größere Zusammenhänge.

„Da gilt es Formen zu entwickeln, mit Riten, mit Geschichten, die man erzählt, mit Symbolen, mit Gemeinschaftsbildung, mit sozialen Strukturen, mit neuen Kommunikationsformen. All das gilt es einzuüben, damit wir tatsächlich ein bisschen mehr das tun, von dem wir denken, wir sollten es tun.“

S. 95

Was uns noch vom Handeln abhält? Die Angst vorm Scheitern. Der unbändige Wille, alles so zu lassen, wie es ist. Die Angst vor Veränderung. Die Menschheit sieht sich von seiner Umwelt getrennt, doch wir stecken mitten in der Natur, sind Teil davon, besser wäre es also von „Mitwelt“ zu sprechen. Denn mit Mitmenschen gehen wir ja auch anders um, weil wir uns auf gleicher Ebene befinden, verbunden sind. Wir sind nicht getrennt von der Natur. In dem Drang die Welt zu verstehen, haben die Menschen mit den Naturwissenschaften die Welt immer weiter in einzelne Bereiche zerlegt, sodass wir nun das große Ganze gar nicht richtig erkennen können.

„Aber dieser Gedanke, dieses Gefühl für unser Sein als Teil der Natur scheint uns verloren gegangen zu sein. Und vielleicht ist es uns verloren gegangen, weil wir an nichts mehr glauben. […] Vielleicht haben wir ja einfach aufgehört daran zu glauben, dass da noch was kommt. […] dann fühlen wir uns auch nicht mehr verantwortlich für das, was kommen könnte“

S. 360-361

In Interviews mit Vertretern der Energiewirtschaft, Luftfahrt, Naturschutzverbänden und Wissenschaftlern fragen Harald Lesch und Klaus Kamphausen genau nach, woran es liegt, dass nicht schnell genug gehandelt wird. Am Ende wird klar, dass jeder selbst seinen Teil dazu beitragen kann, etwas zu verändern. Sei es im Privaten oder im Politischen. Alles, was es braucht, ist eine innere Haltung, die stärker wiegt als der Drang nach mehr Geld.

Ich kann das Buch nur empfehlen. Es blickt kritisch auf unsere Zeit und unseren wohl größten Fehler: das Aussitzen einer (bevorstehenden) Krise. Das Buch, welches 2018 erschien, kann in der Stadtbücherei Kiel ausgeliehen werden.

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