Lesetipp: „Anständig essen“ von Karen Duve

Foto: Kiwi Verlag

Jeden Tag werde ich mit so vielen Fakten zum Thema Klimawandel, Ernährung und Gesundheit konfrontiert, dass es gar nicht so leicht fällt, immer die „beste“ Entscheidung zu treffen. Daher interessierte mich das Buch „Anständig essen“ von Karen Duve sehr, denn sie stellte sich diesem Dilemma und hielt ihre Expedition ins Reich der Vegetarier, Veganer und Frutarier informativ und unterhaltsam in einem Buch fest.

Karen Duve hat eine Bekannte, wie sie vielleicht fast jeder mittlerweile hat. Eine Person, die so viel mehr über die Hintergründe der Massentierhaltung, der Klimawandel-Zusammenhänge und Tierethik weiß. Als laufendes „schlechtes Gewissen für andere“ appellieren diese Menschen immer wieder an ihr Umfeld, dass es sich ändern kann. Karen Duve stellt sich also der Herausforderung und ändert jeweils für zwei Monate ihren Ernährungsstil. Anfangs stellt sie sich auf biologisch erzeugtes Essen um, was erstmal nur zu einem höheren Kostenfaktor wird. Da sie weiterhin Fertigprodukte, Fleisch und Milch konsumiert. Die vegetarische Phase scheint sie fast mit links hinzubekommen. Erstaunlich empathisch fühlt sich Duve in die Gefühlslage der Veganer ein und mutiert zur strengen Moralapostel, was nicht bei jedem gut ankommt. Jeder Vegetarier und Veganer kennt vermutlich die ausufernden, kräftezerrenden und emotionalen Diskussionen am Familientisch – wo Fleischesser ihren traditionellen Fleischkonsum von Massentierhaltungsopfern verteidigen. Duve hat sehr viel und intensiv recherchiert, kennt alle Fakten auswendig und darum beneide ich sie. Denn ich vergesse oftmals all diese schlagfertigen Argumente. Sei es in welchen Jahreszahlen sich die Mindestmaße für Käfighaltung verändert haben, wann diese Änderung verworfen wurde und wie es aktuell (2010) aussieht.

„…In ein Schwein muss man 7000 Kalorien Soja hineinschütten, um 1000 Kalorien Schweinefleisch zu produzieren….

…Auch beim Getreide- und Gemüseanbau werden Tiere getötet. Etwa 90.000 Rehkitze geraten jährlich in die Mähdrescher…“

Besonders interessant fand ich die Infos zu Vitamin B12, das von Mikroben in der Erde hergestellt wird und Tiere sind nur ihr Mittler auf dem Weg zum Menschen. Eigentlich müsste gelten, dass man die Erde an den Wurzelgemüsen mitessen soll, um Vitamin B12 aufzunehmen – doch die heutige Landwirtschaft hat das natürliche Gleichgewicht der Mikroben in der Erde durch Überdüngung zerstört. Selbst Tiere aus der Massentierhaltung haben Vitamin B12-Mangel und bekommen es ihrem Futter zugesetzt. Was für eine Farce!

Doch nicht nur die Ernährung stellt Karen Duve um, sie versetzt sich richtig in die Denkstrukturen von Veganern und Tierrechtlern. Sie schildert mehrere Tierbefreiungsaktionen – von Hühnern, die sie teilweise dann bei sich aufnimmt. Denn sie hat selbst auch Hühner. Immer wieder wägt sie die ethischen Bedenken und die ökologischen Ausmaße der Tierhaltung generell ab, erklärt die genauen Käfigmaße und Umstände unter denen Tiere vor der Schlachtung gehalten werden, verweist auf seriöse Quellen, interviewt Menschen, die sich schon lange pflanzenbasiert ernähren. Dabei verliert ihr Schreibstil nie an Schwung. Das Buch liest sich einfach so weg, das hab ich selten erlebt.

„Sich mit den Tatsachen der Mastanlagen und Schlachthöfe auseinanderzusetzen, ist kein Ausflug, von dem man zurückkommen kann, um am Kamin von seinen Abenteuern zu erzählen und anschließend sein vorheriges Leben wieder aufzunehmen.“

Erstaunt hat mich das Fazit, dass sie aus allem zog. Mit all ihren Erkenntnissen und dem, was sie gesehen hat, kann sie doch nicht dem Fleischkonsum komplett entsagen. Schade auch, dass sie offenbar ihre Ernährungsgewohnheiten – also Fertiggerichte und Süßigkeiten in hohem Maße – nicht ändern kann. Ein unbefriedigendes Ende, auch wenn die Reise dorthin höchst interessant und informativ war.

Das Buch ist übrigens in der Stadtbücherei Kiel ausleihbar.

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