Die billige Wiedergutmachung?

Es fühlt sich an wie ein Geständnis: Ich bin dieses Jahr dreimal selbst mit einem geliehenen Auto gefahren. Insgesamt 657km, das macht ca. 73 kg CO2-Emissionen. Anbieter wie atmosfair bieten an, bestimmte CO2-Mengen zu kompensieren. Aber als Mindestmenge werden 230kg CO2 vorgegeben. Der Preis dafür beträgt 6 Euro. Kann das wirklich stimmen? Ich bin entsetzt, dass Wiedergutmachung so billig ist. #unbezahlteWerbungDurchFirmennennung

Ich lebe knapp 13 Jahre in Kiel und brauchte nur für meine drei Umzüge ein Auto. Wenn ich mein Ziel nicht mit Rad, Bus oder Bahn erreichen kann, kommt es natürlich auch zu Mitfahrgemeinschaften. Aber selbst habe ich sonst nicht am Steuer gesessen. Mir erschien mein Führerschein schon als reine Geld- und Zeitverschwendung. Doch dieses Jahr kamen mehrere Punkte zusammen. Zuerst war da ein längst überfälliger Familienbesuch, den ich seit Jahren hinauszögerte. Weil die Reise für einen Tag zu lang ist und erfahrungsgemäß zu viele Konflikte auftauchen, als dass ich es dort lange aushalte. Dann wurde uns irgendwann dieses Jahr von Freunden angeboten, dass wir ihr Auto gegen Tagesgebühr nutzen könnten. Also kam der erste Road-Trip zustande. Bei der zweiten Fahrt wollte ich Freunden den Aufwand ersparen, uns vom Bahnhof abzuholen, während bei Ihnen zuhause die anderen Gäste warteten. Die dritte Fahrt machte ich, um Kontakte zu beschränken. Denn irgendwie erscheint eine Fahrt in vollen Zügen dieses Jahr als keine gute Idee.

Nun kamen ca. 657 Kilometer zusammen, die ich „selbstverschuldet“ mit einem Benziner gefahren bin. Schon nach der ersten Reise informierte ich mich über Kompensationsmöglichkeiten. Und ich erschrak, wie billig es ist, seinen CO2-Ausstoß zu kompensieren. Beim Anbieter atmosfair konnte ich meine CO2-Menge zuerst gar nicht kompensieren. Denn es werden erst Spenden in Höhe von 6 Euro akzeptiert und diese Geldsumme kompensiert bereits 230kg CO2. Meine 73kg wären dort nur 2 Euro wert. Das klingt für mich unverhältnismäßig. Ist das der ehrliche Preis? Mit dieser Berechnung lässt sich das gute Gewissen billig einkaufen und die Menschen fahren weiter und weiter.

„Ist doch nicht so schlimm“ vs.
„die Welt retten“

Vielleicht gibt es jetzt Stimmen, die sagen: „Ist doch nicht so schlimm. So wenig CO2 ist kein Problem. Da sind andere viel schlimmer.“ Mit einem veganen Lebensstil, Ökostrom und überwiegend klimaneutraler Mobilität hab ich insgesamt schon einen geringeren CO2-Ausstoß als der Durchschnittsdeutsche. Mir ist auch klar, dass mein Lebensstil und meine Spende nicht die Welt retten. Trotzdem möchte ich gern freiwillig meine CO2-Kompensationen tätigen. Nur die Wahl des Anbieters oder des Projektes fällt mir schwer. Denn die 6 Euro bei atmosfair haben mein Gewissen nicht beruhigt.

Das Umweltbundesamt bietet für solche Fälle eine Ratgeberbroschüre zur „Freiwilligen CO“-Kompensation durch Klimaschutzprojekte“ an. Darin steht:

„Das Prinzip der Kompensation beruht auf dem Gedanken, dass es für das Klima nicht entscheidend ist, an welcher Stelle Treibhausgase ausgestoßen oder vermieden werden. Daher lassen sich an einer Stelle verursachte Emissionen auch an einer weit entfernten Stelle einsparen.“

Als ein Kriterium für die Wahl des Kompensationsanbieters gilt, dass das geförderte Klimaschutzprojekt nicht ohne Kompensationszahlungen getätigt worden wäre. Nur wenn es zusätzlich zu allen anderen Umweltschutzbestrebungen umgesetzt wird, erfüllt es den Zweck der Kompensation.

Kompensation gibt keine Lizenz für klimaschädliches Handeln

Weiterer Punkt: nur weil man etwas kompensiert hat, berechtigt das nicht, sich erneut oder in anderem Maße klimaschädlich zu verhalten. Kompensationen allein können den globalen Klimawandel nicht aufhalten.

Der Ausbau der erneuerbaren Energien, Aufforsten, der Schutz der Moore – das sind mögliche Kompensationsprojekte. In Schleswig-Holstein scheint das Kompensationsprojekt „MoorFutures“ eine seriöse Möglichkeit, CO2 zu kompensieren. Durch die Wiedervernässung von Mooren, wird nicht nur CO2 gebunden, sondern auch die Wasserqualität verbessert und ein bedrohter Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten erhalten. Ein Zertifikat für 250kg CO2 kostet dort 15,60 Euro. Auf https://moorfutures-schleswig-holstein.de gibt es dazu weitere Informationen.

Am Ende steht für mich auf jeden Fall jetzt: Die Vermeidung von Emissionen ist klüger als die Kompensation. Ob ich im nächsten Jahr nochmal Auto fahre, und ob es dann nicht ein E-Auto von einem Carsharing-Anbieter sein wird, weiß ich noch nicht. Unser aller Mobilität wird in den kommenden Monaten noch eingeschränkt sein, aufgrund der Kontaktbeschränkungen. Für mich ist das okay. Fürs Klima ist es wohl auch das Beste.

2 Kommentare für “Die billige Wiedergutmachung?

  1. Moorfutures finde ich sehr interessant, Danke für die Anregung!
    Ich habe zuletzt Bäume über Treedom gekauft/verschenkt – auch eine Art der CO2-Kompensation mit zusätzlichen Effekten. Hatte aber auch gemischte Gefühle, was die Vermarktung angeht; so wird das zu einer neuen Warenform, die nur Endkonsumenten betrifft. Trotzdem ein gutes Geschenk für Leute, die eh zu viel haben oder minimalistisch leben.
    Vor allem für Plastik finde ich eine Kompensation aber super, wenn wie bei rePurpose global deutlich wird, dass man damit höchstens bisschen dazu beiträgt, den eigenen Müll am anderen Ende der Erde wieder aus der Natur zu holen. Keine Chance da durch eine Einmalzahlung ein gutes Gefühl zu bekommen, aber vielleicht ein kleiner Ausgleich dafür, dass ich während der letzten Monate häufiger im Supermarkt und damit auch mehr plastikverpackt eingekauft habe als sonst.
    Die Lösung, gegen eine Tagesgebühr ein Auto von Bekannten zu leihen, finde ich übrigens richtig gut! Anders als bei CarSharing wird dabei ja kein zusätzliches Fahrzeug in die Stadt gestellt.
    Als vegan und minimalistisch lebende baldige Neu-Kielerin freue mich über Deinen Blog und wünsche schöne Feiertage!

    • Hallo Line,
      vielen Dank für deinen Kommentar und deine Tipps für weitere Kompensationsprojekte. Die schau ich mir mal an!
      Lieben Gruß, Sabrina

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