Buch-Tipp: Wie wir leben könnten

Unsere Gesellschaft hat den Bezug zur Natur eindeutig verloren. Unternehmen sind oft nur auf Profit aus, viele Menschen arbeiten nur, um immer mehr konsumieren zu können. Ein möglicher Weg, sich aus diesem Teufelskreislauf zu befreien, ist die Autarkie. Wohnwagon-Mitgründerin Theresa Mai hat dazu ein Buch geschrieben. Sehr persönlich beschreibt sie ihren Weg als Frau, die gern auf eigenen Beinen steht.

Theresa Mai ist Mitgründerin von Wohnwagon, einem österreichischen Unternehmen, das Tiny Houses baut und dabei die ganze Region um den Gutensteiner Hof mitgestaltet. Indem Arbeitsplätze geschaffen werden, lokale Lieferketten überschaubar bleiben und eine Gemeinschaft wächst. In ihrem Buch erzählt Theresa Mai von Anfang an, was es ihr bedeutet, selbstbestimmt zu leben und wie ihr Weg zu mehr Autarkie verlaufen ist.

Selbstbestimmt die Welt ändern

Wir alle werden tagtäglich mit den Problemen der Welt konfrontiert: Klimawandel, Ressourcenverschwendung, wachsende Müllberge. Der Wunsch nach Veränderung wird immer größer. Doch wie fängt man an? Vielleicht mit der Frage: Was brauche ich eigentlich für ein gutes Leben? Die Suche nach Lösungen hat Theresa Mai zum Thema Autarkie gebracht.

„Autarkie bedeutet für mich kein Einsiedlerleben fernab der Zivilisation hinter den sieben Bergen. Autarkie bedeutet mehr: in Kreisläufen denken, Netzwerke schaffen, in Gemeinschaft leben und einen Weg in die Selbstbestimmung finden“

S. 9, „Wie wir leben könnten“

Selbstbestimmt zu handeln, darauf bereitet uns niemand in der Gesellschaft vor, sagt Mai. Überhaupt erst einmal die „eigene Stimme über dem lauten Rauschen zu hören, braucht Kraft und Mut, ihr dann zu folgen noch mehr.“

Theresa Mai fing selbst mit dem Standard-Lebensweg an. Nach der Schule studierte sie, gründete eine kleine Werbeagentur und lernte die mühselige Arbeitswelt kennen. Einer ihrer Kunden wollte einen Wohnwagon möglichst ökologisch renovieren. Zuerst sollte ihre Agentur nur das Marketing übernehmen, doch Theresas Interesse an dem Thema wuchs. Im Rahmen ihres BWL-Master-Studiums entwickelte sie einen Businessplan für die Idee und half das Unternehmen mitzugründen.

Kleiner Anfang, große Wellen

Doch auch abseits ihrer Geschäftsidee vom autarken Wohnen hat Theresa Mai einiges zum Thema Autarkie beizutragen. Ihr geht es darum, in Kreisläufen zu denken, denn alles hängt miteinander zusammen. Wer mit kleinen Veränderungen im Alltag anfängt, könne Schritt für Schritt immer größere Wellen schlagen. Um das zu verdeutlichen, nutzt Mai das Prinzip der Permakultur. Hier gibt es die Zonen-Idee, nach der die unmittelbare Umgebung viel Aufmerksamkeit und Pflege braucht, und je weiter die Zone vom eigenen Standpunkt entfernt ist, regelt die Natur selbst alles und es ist gar kein großer Einfluss mehr nötig. Was kann also jeder in seiner direkten Umgebung tun?

„…nichts ist so eng mit deinem Leben, deinem Körper oder deiner Gesundheit verbunden wie die Lebensmittel, durch die du dir die Energie für deinen Tag holst.“

S. 33, „Wie wir leben könnten“

Ein erster Schritt zu mehr Selbstbestimmung ist: selbst kochen. Also keine Fertiggerichte, sondern selbst am Herd stehen. Wer das tut, wird sich irgendwann fragen, wo die Zutaten eigentlich herkommen, mit denen man arbeitet. Und schon guckt man, dass man hochwertige, sprich Biolebensmittel bekommt. Vielleicht sogar direkt aus der Region, bei einem Bauernhof, der einen Hofladen hat oder sogar eine Solidarische Landwirtschaft, bei der man auch mal bei der Ernte mithelfen kann. Das bringt einem nicht nur den Lebensmitteln näher, sondern auch den Menschen, die sie produzieren.

Auch beim Thema Freizeit versteckt sich ein großes Potential für mehr Selbstbestimmung. Die Freizeit sollte nicht nur dazu da sein, dass das schwer verdiente Geld wieder ausgegeben wird. Auch stundenlanges Fernsehen oder Filmegucken bringt oftmals nicht das Gefühl, selbst über die Zeit verfügt zu haben. Statt Dauerbeschallung wäre ein ausgewählter Filmabend pro Woche viel genussvoller. Zeit in der Natur zu verbringen, auch ganz ohne Ziel, entspannt die Sinne. Bewegung bis hin zu Workout mit dem eigenen Körpergewicht ist auch ohne teures Equipment oder Fitnessstudiomitgliedschaften möglich. Treffen mit Freunden, analoge Spiele, kreativ sein, etwas bauen oder gärtnern – all das sind Vorschläge, die Theresa Mai das Gefühl geben, ihre Zeit sinnvoll und selbstbestimmt zu nutzen.

Tipps fürs autarke Wohnen

Ein großer Teil des Buches widmet sich aber natürlich auch dem Thema autark Wohnen. Mai teilt ihre Kenntnisse in den Bereichen autarke Energie- (Strom und Wärme) sowie Wasserversorgung, gibt Ratschläge, wie der eigene Verbrauch zu ermitteln ist und welche Schwierigkeiten beim Weg zur vollständigen Autarkie auf einen zukommen. Vieles sei möglich, aber der Energieaufwand und die Investionen stünden der Autarkie oft im Weg, so Theresa Mai. Dazu kommt, dass die technischen Lösungen oftmals schlecht zu reparieren sind und nach einer gewissen Dauer einfach ersetzt werden müssten. Gerade beim Tiny House kommt auch immer die Frage auf: wo kann das Haus stehen? Die rechtliche Rahmenbedingungen lassen viele Interessierte oft verzweifeln. Selbst wenn Gemeinschaften zusammen einen autarken Lebensort schaffen wollen, ist das mit vielen Hürden verbunden. Unter anderem der Finanzierung eines solchen Projektes. Aber auch mit der Organisationsstruktur der Initiativen. Auf all diese Themen geht Theresa Mai ein und nennt die Möglichkeiten, die ihr geholfen haben mit ihrem Wohnwagon-Unternehmen in einem Dorf Fuß zu fassen.

Denn Dörfer bieten viele Lösungen für die Umweltprobleme dieser Welt: kürzere Wege, stabilere Verbindungen, überschaubare Lieferketten und persönlicher Bezug zu den vorhandenen Ressourcen. Es sollte immer darum gehen, wie sich jeder in die Gemeinde einbringen kann und den Ort bereichern kann. Viele Dörfer haben damit zu kämpfen, dass die jungen Menschen wegziehen und das Dorfleben zum Erliegen kommt. Doch wenn ein Dorf viele Bedürfnisse des Alltags stillen könnte, wie Lebensmitteleinkauf, Arbeit und Freizeitgestaltung, wäre ein autarkes Leben dort einfacher umzusetzen.

Fazit

Das Buch ist wirklich sehr lesenswert. Es liest sich sehr gut und schnell. Gut finde ich die persönliche Story von Theresa Mai, die dem ganzen Buch einen Rahmen gibt. Dadurch wird klarer, welche Formen der Autarkie im Leben eines sonst normal arbeitenden Menschen möglich sind. Ohne das System zu crashen oder zu rebellieren, zeigt Theresa Mai einen Weg zu mehr Selbstbestimmung und ökologischeren Verhalten. Am Ende bleibt für mich das Gefühl, etwas tun zu können. Wer im Kleinen anfängt und vielleicht sogar regionale Bauern unterstützen kann, verändert das Leben vieler Menschen zum Besseren. Vertrauen und Gemeinschaft spielen eine größere Rolle beim Thema Nachhaltigkeit als nur das „Richtige zu tun“. Funktionierende Gemeinschaften, egal ob in der Stadt oder auf dem Land, sollten unser Ziel sein. Im letzte Kapitel bringt sie es nochmal auf den Punkt:

„Wenn wir in Verbindung sind, wenn wir unser Wissen austauschen, unsere Ideen und Kreativität nutzen, kann es gelingen, neben der [Energiesaug-]Pyramide etwas anderes aufzubauen. Ein Netzwerk!“

S.247, „Wie wir leben könnten“

Theresa Mai, „Wie wir leben könnten“, ISBN 978-3-7066-2684-2, erschienen 2021 im Löwenzahn Verlag

Ich bedanke mich beim Löwenzahn-Verlag für das Zusenden eines kostenlosen Rezensionsexemplares.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Secured By miniOrange